Yoga und tägliche Übung – Was steht hinter den Mysore-Klassen?
Yoga als tägliche Übung
Die mehr als 4000 Jahre alte Lehre aus Indien ist auf eine tägliche Übung angelegt - nicht nur zu besonderen Jahreszeiten oder während sporadischer Zeiten wird geübt, nicht nur dann, wenn man sich allgemein wohl fühlt oder umgekehrt erst dann, wenn man von den Zivilisationskrankheiten Rückenschmerzen, Bandscheibenproblemen, Knieschmerzen oder psychischen Problemen heimgesucht wurde. 1 mal pro Woche zu üben ist sicherlich bereits ein guter Rhythmus, 2 mal pro Woche sind zu empfehlen, 3 mal die Woche führt zu einer raschen und durchgehenden Verbesserung der körperlichen Flexibilität, Erhöhung von Ausdauer und Kraft. 6 mal pro Woche zu üben entspricht der Tradition und ist die ideale Übung – wenn auch nur 20 oder 30min lang („besser regelmäßig kurz als unregelmäßig lang“).
Traditionell wird Yoga morgens praktiziert, da der Biorhythmus in den frühen Tagesstunden auf Entschlacken eingestellt ist und die Giftstoffe hier besser als zu anderen Tageszeiten aus dem Körper transportiert werden. Körper und Geist werden vitalisiert, so dass man - trotz körperlicher Anstrengung - fit ist für den ganzen Tag.
Mysore - Stil (Freies Üben/Unterricht) als internationaler Standard
Im Ashtanga-Yoga ist diese Übungsform die überlieferte und authentische Grundform der Praxis. Es handelt sich um offene Klassen im traditionellen Stil, die von allen Ashtanga-Schulen weltweit angeboten werden. “Mysore” - weil der älteste Vertreter des Ashtanga, Sri K. Pattabhi Jois, in der südindischen Stadt Mysore noch heute -93jährig- lebt und lehrt. Jeder kann zu seiner selbstgewählten Zeit ins Studio kommen und sein individuelles Programm selbständig üben. Lehrer unterstützen den aktuellen Übungstand des Einzelnen durch persönliche Korrekturen, Hilfestellungen (adjustments), Anregungen und Erklärungen. Mysore-Stil ist für jeden geeignet. Jeder übt den jeweils erlernten Umfang der Asana-Reihenfolge (Serie) und nach und nach kommen weitere Asanas hinzu.
Damit entspricht diese Unterrichtsform der traditionellen asiatischen Art zu lehren: Nicht über den Kopf, durch Erklärungen und abstrakte Beschreibungen, sondern durch konkrete, permanente praktische Übung, durch “Nachmachen” oder “Vormachen” wird gelernt. Daher betont Pattabhi Jois immer wieder: “99% Praxis, 1% Theorie”.
Bei uns ist solches flexibles Üben durch offenen Kursbeginn in allen Morgenklassen, jeden Tag, und Dienstag- und Donnerstagabendklassen sowie Samstagsnachmittags möglich. Man kann morgens ab 6:00 Uhr jederzeit mit der Praxis beginnen und dann bis spätestens 10:00 Uhr starten, damit man noch eine Stunde bis 11:00 Uhr üben kann. Unser zeitliches Angebot ist in dieser Hinsicht bewusst außergewöhnlich umfangreich.
Tägliche Yoga-Praxis in der Mysore-Klasse - auch für Anfänger geeignet
Es taucht immer wieder das Vorurteil auf, die Mysore-Klasse sei nur für ganz Fortgeschrittene oder solche gedacht, die die Übungsreihenfolge perfekt beherrschen. Das ist nicht richtig. Die Serie sollte zwar schon ein paar Mal bis zu den Sitzpositionen geübt worden sein - mehr ist aber nicht notwendig. Die Mysore-Klasse am Morgen kommt auch denen entgegen, die gerade nur morgens, vor der Arbeit, Zeit und Ruhe haben, Yoga zu üben oder die die Vitalsierung in Körper und Geist für den Alltag bzw. Berufstag schätzen.
Yoga ist Atmung - Meditation in Bewegung
Es heißt: „Ohne Atmung ist Yoga allenfalls eine bessere Gymnastik“. Im Ashtanga führt die Atmung - trotz körperlicher Anstrengung - zu Ruhe, Gelassenheit und “Meditation in Bewegung”. Deswegen wird Ashtanga ohne Musik und Animation geübt. Das ist das ganz besondere an dieser Yoga-Richtung. Gemeint ist die Yoga-Atmung, Bandhas und Ujjayi-Atmung. Entdecken Sie also die Atmung! 5min oder 10 min am Morgen - nur tief und gleichmäßig atmen… Insbesondere ist es überhaupt kein Problem, lediglich “sein” individuelles Programm zu üben, z.B. 3 Sonnengrüße A + nur Standpositionen, weil man vielleicht nur 20-30 min üben will oder nur entsprechend Zeit zur Verfügung hat.
Vorteil der Mysore-Klasse - individuelle Betreuung des Schülers
Der Vorteil dieser Übungsform liegt in der absolut individuellen Betreuung der Schüler. Anders als im Unterricht (bei uns Basis 1 und 2) hat der Lehrer Freiraum, Bewegung und Haltung des einzelnen Schülers zu beobachten, Besonderheiten oder Probleme körperlicher Art festzustellen und dem Einzelnen hier Anleitung und Hilfe zu geben. Im Unterricht wird der korrekte Ablauf der Übungsfolge, die Haltung in den einzelnen Asanas dargestellt und geübt - hier auf den Einzelnen einzugehen ist nicht so ausführlich möglich wie in der Mysore-Klasse.
Vorteil der Mysore-Klasse – Weiterentwicklung und Heilung
Bedeutendster Vorteil dieser Übungsform ist es aber, dass man durch die persönlichen Korrekturen, Hilfestellungen (adjustments), Anregungen und Erklärungen des Lehrers tiefer in die Übungen kommt, den Körper weiterentwickeln kann. Oft denkt man, dass man in einzelnen Haltungen -trotz Anstrengung- nicht weiter kommt. Tatsächlich verfügt der Lehrer über eine Vielzahl von z.T. kleinsten Hilfestellungen, die überraschende Effekte zeigen; so ist es doch oft möglich, mit der Hand an den Zeh zu kommen, sich tiefer zu beugen, den Rücken gerader zu halten usw. - oft “weiß der Körper (noch) nicht”, dass er Haltungen doch oder intensiver einnehmen kann. Durch die Hilfestellung von außen wird er geführt und „lernt“, dass er „sich entwickeln kann“.
Je korrekter das Asana eingenommen wird, um so größer entfaltet sich dessen Wirkung, insbesondere die Heilwirkung, „Heilung“ im engeren Sinne als „Gesundwerden“ und in einem weiteren Sinne als „heil“, also „ganz, vollständig“-werden, nämlich seine Persönlichkeit voll zur Entfaltung zu bringen. Hier kann man der jahrtausendalten Entwicklung vertrauen.
Vorteil der Mysore-Klasse - Individuelles Training
Wie gesagt ist es keine “Pflicht”, die Serie auf jeden Fall und in der gegebenen Reihenfolge soweit wie möglich “durchzuüben” (oder schlimmer: “abzuhandeln”). Im Zen sagt man: “Der Tiger fängt die Maus mit seiner ganzen Kraft” - ob “leichtes” oder “schweres” Asana, ob heute mühevoll oder leicht, man sollte immer mit der vollen Konzentration und Hingabe üben, auch wenn es nur bei ein paar Sonnengrüssen bleibt.
Oft ist zu beobachten, dass insbesondere der Sonnengruß zu leiden hat (und hier der „Hund mit Gesicht nach oben“), weil man „schnell“ zu den weiteren Asanas kommen will. Bestimmte Haltungen, Bewegungen, Sprünge, Kopf - oder Handstand werden als zu schwer oder “unmöglich” angesehen. Die fortgeschrittenen Asanas werden als utopisch und persönlich als „unmachbar“ empfunden. Die Mysore-Klasse bietet die Möglichkeit, “sein” individuelles Programm zu üben und gerade auf einzelne Asanas einzugehen, die einem Schwierigkeiten bereiten. Üben Sie z.B.
- nur Sonnengrüße. Versuchen Sie einmal 15 Sonnengrüße A, 10 Sonnengrüße B, eventuell mit jeweils 7 oder 8 Atemzügen und gehen dann in die Abschlussserie
- oder nach den Sonnengrüßen “nur” Vorbeugen oder Hüftöffnung üben
- oder nach den Sonnengrüßen “nur” Sprünge üben
- oder nach Sonnengrüßen und Standpositionen “nur” Drehhaltungen mit entsprechenden Vorübungen üben, usw.
Und noch ein Vorteil: Der Lehrer ist für den Schüler da - geben Sie ihm ein Signal oder warten Sie, bis er mit der Hilfestellung bei einem anderen Schüler geendet hat. Er wird dann zu Ihnen kommen und Sie in Ihrem Asana unterstützen. Es ist also nicht selbstverständlich -weil auch nicht möglich- dass man in jedem Asana korrigiert („adjustet“) wird. Oft hat der Lehrer einen Grund, Sie in einzelnen Asanas nicht oder „anders“ zu adjusten als die Mitübenden, um Sie z.B. nicht zu überfordern oder Ihren „Fluss“ nicht zu unterbrechen.
Wenn Sie also bei einem der Asanas Hilfestellung wünschen, machen Sie sich bemerkbar und wenn Ihnen die „Reihenfolge verloren“ geht, ist es auch kein Problem, eine Übersicht neben sich liegen zu haben, die anderen Mitübenden zu beobachten oder einfach den Lehrer zu fragen.
Yoga kontra Fitness - Yoga als Prozess
Yoga ist ein Prozess, der auf Dauer und Kontinuität angelegt ist – für die ganze Lebensspanne vom Kind bis ins hohe Alter. Hierbei wird man von einem Lehrer und auch der Gruppe unterstützt. Der Lehrer erkennt den individuellen Entwicklungsstand, die aktuelle körperliche und geistige Verfassung, und korrigiert nach der jeweiligen Notwendigkeit. In der Gruppe zu üben gibt zusätzliche Energie und Motivation, die Gruppe gibt Halt und Orientierung. Es dürfte fehlgehen, Asanas rein technisch zu erlernen wie ein Handwerk, um sie dann -bei Bedarf- irgendwann und irgendwie wie Gymnastik zu üben oder um irgendeinen Zweck zu erreichen. Yoga ist keine “Fitness”. Tiefe Atmung, Asana, Bandhas und Blickrichtung - im Ashtanga wird diese Harmonie angestrebt die zu einer “Meditation in Bewegung” führt. Die Übung als solche ist der Zweck - der Weg ist das Ziel.
Sprechen Sie uns an – wir beraten -und helfen- natürlich gerne.
Michael Feinen
Yoga-Lehrer, ginger up